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Der Marburger Obus


[Busseiten]

Unter der Leitung der Stadtwerke


17 Jahre Trolleybus in Marburg


[SWB-Trolleybus 123: 36kb]

Wagen 123 der Stadtwerke Bonn auf der Obuslinie 16 am Clemens-August-Platz.
Der Zweite Weltkrieg richtete in Marburg zwar keine größeren Schäden an, doch verhinderte er zunächst die schon 1941 geplante Umstellung der Straßenbahn auf Obusbetrieb. 1940 war die "kriegswichtige" Kaserne auf dem Tannenberg im Süden der Stadt zunächst durch eine Dieselbuslinie mit dem Marktplatz verbunden worden, doch planten die Stadtväter schon damals ihre Umstellung auf Trolleybusbetrieb. Der gesamte Stadtlinienverkehr wäre damit vom Obus bedient worden.
Im Rahmen des damaligen Kriegsbauprogramms wurden zehn Obusse der Bauart Mercedes-Benz mit Sindelfinger Aufbau der Normgröße II bestellt. Für den Einsatz in den Spitzenzeiten orderte man zusätzlich fünf Anhänger der Firma Schumann im sächsischen Werdau. Kriegsbedingte Lieferschwierigkeiten und die Umverteilung der Produktion auf bestehende Obusbetriebe machten die Eröffnung des Marburger Obusbetriebs aber dann unmöglich.
Nach Kriegsende galt es zunächst, die vorhandene Infrastruktur wieder instandzusetzen. Es dauerte bis 1951, bevor der Obus endgültig seinen Betrieb aufnehmen konnte.
Am 18.05.1951 löste der Trolleybus dann die hoffnungslos veraltete Straßenbahn ab. Im Gegensatz zur Tram verkehrte die Trollybuslinie vom Hauptbahnhof durch die Bahnhofstraße, die Elisabethstraße, die Deutschhausstraße, die Biegenstraße, den Rudolphsplatz, die Universitätsstraße, den Wilhelmsplatz, die Schwanallee , die Gisselberger Straße und über die Schützenpfuhlbrücke zum Südbahnhof. Damit wich ihre Streckenführung zwischen
Elisabethkirche und Rudolphsplatz von der historischen Straßenbahnlinie ab, die hier den 460 Meter kürzeren Weg durch den Pilgrimstein genommen hatte. Trotzdem bewältigte der Obus die Gesamtstrecke in 14 Minuten und damit drei Minuten schneller als die Trambahn.
Auf der lahnseitigen Rückseite des Südbahnhofs besaß der Obus seine Wendeschleife. Stationiert waren die elektrisch betriebenen Busse - wie die Straßenbahn zuvor auch - im Betriebshof an der Gisselberger Straße. Allerdings musste in die Hallenrückwand ein zusätzliches Tor gebrochen werden, um den Trolleybussen eine Schleifenfahrt durch die Halle zu ermöglichen . Die Zufahrt zum Depot erfolgte über eine einspurige Betriebsstrecke von etwa 150 Metern Länge, die an der Ecke Gisselberger Straße/ Schützenpfuhlbrücke vom regulären Linienweg abzweigte.
Die Länge der Obuslinie betrug 4,1 Kilometer in durchgehend zweispurigem Ausbau. Die Erstausstattung von fünf Fahrzeugen lieferte die Waggonfabrik Uerdingen. Dabei handelte es sich um Obusse der Bauart Henschel/Uerdingen ÜH II s. Ihr Fahrgestell des Typs 6.500 II war vorne zwillingsbereift. Die vordere Tür befand sich hinter der Vorderachse. Ein weiterer Einstieg war im Fahrzeugheck angeordnet. Numeriert wurden die Obusse als Wagen 1 bis 5, womit sie die Betriebsnummern der Straßenbahn erneut belegten.
Fünf Jahre lang reichten diese Fahrzeuge für den Einsatz auf Marburgs wichtigster Stadtverkehrslinie aus. Dann stockten die Stadtwerke Marburg an der Lahn ihren Trolleybuspark um drei zusätzliche Obusse - Wagen 6 bis 8 - auf. Lieferant war wiederum die Waggonfabrik Uerdingen, die inzwischen den größeren Nachfolgetyp ÜH III s entwickelt hatte. Die Achsen dieses dreitürigen Trolleybusses in der - damals gerade modern gewordenen - selbsttragenden Bauweise stammten wieder von Henschel in Kassel.
Doch auch diese größeren Fahrzeuge boten bald nicht mehr genügend Platz für das ständig steigende Fahrgastaufkommen auf der Linie 1. Deshalb beschlossen die Stadtwerke Marburg die Einführung von Gelenktrolleybussen.
Henschel hatte Ende der 50er Jahre ein Fahrzeug in der sogenannten "Schalenbauweise" entwickelt, das sowohl als Dieselbus wie auch als Obus in zweiachsiger Ausführung und als dreiachsiger Gelenkwagen lieferbar war. Dieses Baukastenprinzip verhalf den Typen HS 160 USL (Dieselbus) und HS 160 OSL (Obus) zu einer großen Verbreitung.
Zwei Gelenkzüge des Typs HS 160 OSL wurden 1961 an die Stadtwerke Marburg ausgeliefert. Hier erhielten sie die Betriebsnummern 9 und 10.
Mit einer weiteren Lieferung wollte der Verkehrsbetrieb zwei Jahre später die Umstellung auf Gelenkwagen fortsetzen. Dabei hatten sich die Stadtwerke Marburg mit anderen Obusbetrieben zusammengetan, um durch Bestellung einer größeren Serie einen Preisvorteil zu erzielen. Doch Henschel stornierte die Bestellung; Lieferengpässe bei Lokomotiven und Panzern hatten das Kasseler Unternehmen bewogen, die weniger gewinnträchtige Bus- und Obusproduktion kurzerhand einzustellen.
Daraufhin entschieden sich die Stadtwerke Marburg zum Kauf von zwei Diesel-Gelenkbussen. Hersteller war die Düsseldorfer Waggonfabrik (DüWag), die Muttergesellschaft der Waggonfabrik Uerdingen. Diese Wagen 11 und 12 liefen fortan auf der Linie 1 unter dem Fahrdraht zwischen den Obussen . So wurde 1963 der erste Schritt zur Umstellung des Obusbetriebs auf Dieselbus unternommen .
Als dann 1968 der Bau der Stadtautobahn erhebliche Änderungen für die Streckenführung der Obuslinie erforderlich gemacht hätte, war die endgültige Umstellung auf Dieselbus die folgerichtige Konsequenz dieser frühzeitigen Weichenstellung . Zudem entfiel damit das Umsteigen am Südbahnhof bei Fahrten zum Richtsberg und nach Cappel.
Am 5. Oktober 1968 trat der Marburger Obus seine letzte Fahrt an. Schon einen Tag nach seiner feierlichen Verabschiedung übernahmen Dieselgelenkbusse die Bedienung der Linie 1.
Die zweiachsigen Obusse wurden an Privatleute in der Region als Geräteschuppen verkauft, während die beiden Gelenktrolleybusse noch bis in die 80er Jahre hinein bei der Mürztaler Verkehrsgesellschaft (MVG) im österreichischen Kapfenberg ihren Dienst versahen. An den Obus erinnern aber heute noch die Laternenmasten in der Elisabethstraße, an denen einst die Fahrleitung für den Trolleybus befestigt war.
Aus: Dirk Dannenfeld und Franz-Josef Hanke, "Mit Hafer, Strom und Diesel - vom Pferdebus zum Niederflurgelenkbus - 100 Jahre Nahverkehr in Marburg", 1999 Omnibusspiegel-Verlag Dieter Hanke, Bonn
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Franz-Josef Hankes Marburger Obus-Seite ist
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